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Unsere Sicht

- sehbehinderte Kinder beschreiben ihre Sicht der Dinge -

Unter dem Begriff der Sehbehinderung können sich die wenigsten Menschen etwas vorstellen. Oft wird Sehbehinderung mit Blindheit gleichgesetzt, oder nach einer kurzen Erklärung die Aussage gemacht, das alles sei ja nicht so gravierend. Vielfach wird auch Unverständnis dafür geäußert, warum diese Personengruppe an einer Sonderschule unterrichtet wird.

Die Gründe hierfür liegen zum einen sicher darin, dass eine Sehbehinderung für Außenstehende nicht so offensichtlich zu erkennen ist wie Blindheit. Zum anderen gibt es keine einfache Definition von Sehbehinderung, die in einem Satz erklärt werden kann.

Unser Auge ist ein sehr komplexes Organ, das deshalb auch sehr störungsanfällig ist. Je nachdem, wo eine Störung, Fehlbildung u.a. auftritt, ist das Sehen des betroffenen Menschen verändert und beeinträchtigt. Sehbehinderung umfasst viele verschiedene Augenerkrankungen und deren Auswirkungen auf das Sehen. Eine Sehbehinderung, die als Ursache unterschiedliche Arten von Augenerkrankungen haben kann, kann sich in vielen Ausformungen zeigen, z.B.: in einem stark verminderten Sehvermögen, das auch durch eine Brille nicht zu korrigieren ist, durch hohe Blendempfindlichkeit, Nystagmus (Augenzittern), fehlendes Stereosehen, Gesichtsfeldeinschränkungen und noch vieles andere mehr. Im Folgenden beschreiben sehbehinderte Kinder unserer Schule, wie sich ihre Sehbehinderung auf ihr Leben auswirkt. Die Mutter eines Kindes, die selbst sehbehindert ist, ergänzt die Beschreibungen der Kinder.

"Auf dem einen Auge sehe ich nur Schatten. Das andere Auge sieht etwas besser. Trotz meiner Brille kann ich nicht weit sehen. Auf dem Schulhof, z.B. in der Pause, sehe ich meinen Freund nicht. Ich muss andere Kinder fragen, wo er gerade ist. Wenn er weiter weg ist, erkenne ich sein Gesicht nicht. Nur wenn ich weiß, was er an hat (Kleidung), ist es ein bisschen einfacher. Erst wenn er ungefähr einen Meter vor mir steht, erkenne ich ihn sicher."

Dieses Kind hat ein Sehvermögen von ca. 10% auf dem besseren Auge. Es ist angewiesen auf Informationen von anderen, muss verstärkt seinen Hörsinn einsetzen (Stimme des Freundes „orten") und braucht Informationen über visuelle Signale zur Orientierung (Kleidung des Gesuchten).

"Wenn ich zu meiner Oma gehe, muss ich eine große Straße überqueren. Ich schaue immer wieder nach rechts und nach links, um die Autos zu erkennen. Schon bald fan­gen meine Augen an zu zittern und das Bild von den Autos und der Straße wackelt."

"In einer unbekannten Umgebung oder an einer stark befahrenen Straße stehe ich oft eine halbe Stunde bis jemand kommt, an dem ich mich beim Überqueren der Straße orientieren kann."

Die beiden sehbehinderten Kinder beschreiben eine typische Situation im Straßenverkehr. Ihre Schwierigkeiten sind zurückzuführen auf einen bei beiden bestehenden Nystagmus (Augenzittern). Viele sehbehinderte Menschen brauchen ein spezielles Training um solche Situationen zu bewältigen.

Ein Nystagmus kann aber auch in anderen Bereichen Probleme für die Betroffenen bereiten, was in den beiden folgenden Beispielen beschrieben wird:

"Manchmal sehe ich ein vorüberfliegendes Flugzeug sofort. Wenn aber jemand zu mir sagt: 'Schau mal, da ist ein Heißluftballon!', suche ich den Himmel danach ab und kann ihn nicht entdecken. Das verstehen viele Leute nicht. Das Flugzeug habe ich gehört und richte meinen Blick nach der Richtung des Geräusches. Wenn ich Glück habe, ist es sofort in meinem Blickfeld. Der Heißluftballon gibt mir kein akustisches Signal. Wenn ich versuche, angestrengt auf den Punkt zu schauen, der mir gezeigt wird, setzt der Nystagmus ein und ich kann nichts mehr mit den Augen fixieren."

"Wenn ich mich mit jemandem unterhalte und die Person schaut mir beim Reden direkt in die Augen, versuche ich diesen Blickkontakt zu erwidern. Dann allerdings fangen meine Augen an zu zittern, was meinen Gesprächspartner wiederum irritiert. Das ist mir oft unangenehm."

Die beiden letzten Aussagen zeigen darüber hinaus, dass Menschen mit einer Sehbehinderung auch im zwischenmenschlichen Bereich mit Problemen umgehen lernen müssen. Viele Kinder berichteten, dass sie oft Personen verwechseln oder gar nicht sehen. Dazu eine weitere Schilderung:

"Einmal war ich auf dem Spielplatz und entdeckte plötzlich meinen kleinen Bruder. Ich lief auf ihn zu, nahm ihn in die Arme, drückte und küsste ihn. Aber er fing an zu schreien, zu weinen und wehrte sich. Erst da merkte ich, dass das ein anderes kleines Kind war."

Ein fehlendes Stereosehen kann sich folgen­dermaßen auswirken:

"Wenn ich irgendwo laufe und es steht z.B. ein Pflasterstein etwas höher als die anderen, dann stolpere ich, weil ich das nicht sehe."

"Ich habe oft blaue Flecken, weil ich über etwas stolpere oder gegen Gegenstände stoße. Einmal bin ich sogar in eine offene Autotür gerannt."

"Immer wenn ich in meiner Bank war, wunderte ich mich, wie exakt die Falten der Vorhänge an der Wand fallen. Eines Tages wollte ich es genau wissen und den Stoff betasten. Ich stellte fest, dass der vermeintliche Vorhang in Wirklichkeit eine Wandvertäfelung war, die aus hellen und dunklen Holzlatten bestand."

"Am Wochenende war ich bei meiner Tante und hatte meine Mama lange nicht gesehen. Als sie mich abholte, lief ich ihr mit offenen Armen entgegen. Dabei sah ich einen Laternenmast nicht und stieß mit ihm zusammen."

Die nächsten Aussagen der Kinder beziehen sich auf einige, wenige Schwierigkeiten im Schulalltag.

"Das Abschreiben von der Tafel geht eigentlich ganz gut. Aber wenn ich ein Wort nicht genau kenne und lange hinschauen muss, sehe ich alles doppelt."

"Wenn ich von der Tafel abschreibe, sehe ich die Wörter doppelt. Auch wenn meine Lehrerin vor der Tafel steht, gibt es sie zweimal."

"Früher habe ich zum Schreiben und Lesen eine Lupe gebraucht. Das war umständlich, ich habe viel Zeit gebraucht und ich hatte nie den ganzen Überblick. Jetzt habe ich eine Extra-Lesebrille, da ist die Lupe unten ins Glas eingebaut. Damit geht es viel besser."

"Wenn ich lese, sehe ich oft Wörter doppelt. Ich lese sie dann auch zweimal. Oft finde ich die Reihe nicht, die als nächstes dran kommt. Ich fange an zu suchen und meine Augen wackeln hin und her."

"Wir müssen Aufgaben aus dem Mathe­buch ins Heft abschreiben. Es passiert mir oft, dass ich plötzlich statt der Nummer 2a) die 2b) mache ohne es zu merken."

Wenn wir den Unterricht beginnen, werden zunächst einmal die Lichtbedingungen geklärt (Jalousien herunterlassen bei Blendung; die Deckenleuchten mit hoher Luxzahl sind einzeln schaltbar). Vor dem Schreiben an die Tafel ist diese gründlich zu reinigen. Wischspuren erschweren zusätzlich das Sehen des Tafeltextes. Den Kindern stehen je nach Bedarf verschiedene optische Hilfsmittel zur Verfügung (z.B. unterschiedliche Lupen und das Fernsehlesegerät).

(Sehbehindertes) Sehen ermüdet; deshalb hat eine Unterrichtsstunde nur 40 Minuten. In Primarklassen sind zusätzlich kleinere Pausen notwendig. Mit den üblichen Heftlineaturen, die Grundschüler benutzen, kommen sehbe­hinderte Schülerinnen in der Regel nicht zurecht. Sie können aus einer großen Anzahl verschiedener Lineaturen auswählen, die sich durch unterschiedliche Größen, Kontraste und markante Linien auszeichnen.

Dies sind nur einige Hilfen, die sehbehinderten Kindern im Schulalltag helfen. Darüber hinaus ist auch zu bedenken, dass unsere Schulanfänger mit anderen Lernvoraussetzungen ihren Schulweg beginnen als sogenannte "Regelschülerinnen", z.B. mangelnde Erfahrung mit Auswirkung auf die Begriffsbildung und Vorstellungswelt; langsameres Arbeitstempo und raschere Ermüdung; Lernmotivation und Kommunikation. Unterricht mit Sehbehinderten geht also über das Bereitstellen verschiedener Hilfsmittel und methodischer Überlegungen weit hinaus.

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 07. Januar 2010 um 17:50 Uhr